Es fällt nicht leicht Worte zu finden und zu erzählen was mir passiert ist. Aber auch ich bin eine Überlebende.

Ich wurde von meinem Stiefvater sexuell missbraucht. Das erste mal woran ich mich erinnern kann ist,  als ich 6 Jahre alt war. Es hat aufgehört als ich 16 Jahre alt war.

Er hat mir so weh getan, hat mich eingeschüchtert, hat mir gedroht, hat mich behandelt wie den letzten Dreck, nur wenn er ES tun wollte, war er „lieb“ zu mir.

Ich musste mir Pornos ansehen, musste so viele unerträgliche Dinge tun, die mir die Übelkeit hochsteigen lassen, wenn ich daran denke…und ich hab so oft vor mir hergesagt wie ich meiner Mama sagen soll das er das tut. Aber ich hatte Angst. Angst,  dass  sie mir nicht glaubt, das mir niemand glaubt.

In der Schule habe ich oft gefehlt weil ich krank war…Übelkeit, Erbrechen, Rückenschmerzen, Kopfschmerzen sind Teil meines Lebens.

Ich hab ihn angezeigt als ich knapp 19 war.

Ich bin zu meinem leiblichen Vater gegangen und von da aus in einer sozial therapeutischen Wohngruppe. Ich musste lernen selbstbestimmt durchs  Leben zu gehen…für mich selbst einzustehen und Glücklich zu sein.

Ich bin Erzieherin geworden, um Kindern ihr 2tes zu Hause (Kita,Hort,Heim) so warm und toll wie möglich zu gestalten. Damit sie selbstbewusst und selbstbestimmt lernen und leben können.

Ich hab damals nicht mal durch Lehrer Hilfe erfahren, dabei war ich wirklich auffällig….heut zu Tage würde man sich kümmern, damals nicht. Heute sind die Menschen mehr aufgeklärt über das Thema.

Mir hat die Musik geholfen, das Lesen, das Zeichnen…und Menschen die mir geholfen haben, die zu mir standen auch als die Richter mir nicht glauben wollten.

Erst als ein psychologisches Gutachten hat den Richtern gezeigt das ich nicht lüge….und das ich wirklich das Martyrium überlebt hab.

Die Punkte, die noch in die DDR fielen, wurden nicht berücksichtigt, da es andere Gesetzgegebenheiten unterlag. Aber ich musste alles erzählen. Es wurde nicht gezählt und ich dachte nur- warum? Auch da hat er mir das angetan….ich war doch erst 6 Jahre alt L.
Es war wie ein Schlag ins Gesicht für mich.

Und ich war völlig verzweifelt, denn ich dachte damals ich würde doch verlieren. Ich wurde gefragt, warum ich erst so spät Anzeige erstattet habe-ob ich mir Rache erhoffe.

Ich wollte nur endlich einen Schlussstrich ziehen und IHN von mir fern wissen.

Auch wenn es nur 5,5 Jahre waren, er wurde bestraft, es wurde gezeigt das SOWAS nicht geduldet wird.

Ich habe Jahrelang unter ihn gelitten und auch heute noch leide ich unter ihm.

Manchmal fühlt es sich so an, als ob er seine Hand über mich hält. Nicht wachend, sondern bedrohend und verängstigend.

Heute schreibe ich anonym mit vielen Betroffenen und tausche mich aus- Unterstütze die die selbst erst den Weg der Anzeige gehen wollen.

Ich habe damals Therapie gemacht, diese aus Angst aber abgebrochen und nun wieder aufgenommen, denn ich bin selbst Mama geworden (was ich mir nie erträumt habe) und das alles, auch dass ER wieder aus dem Gefängnis raus ist, hat mich umgehauen.

Ich bin ausgebrannt….

Ich habe mich in meine Arbeit gestürzt und erst dann eine Grenze gesetzt als ich beinahe mein Kind verloren hätte weil meine Chefin mich so unter Druck gesetzt hat.

Ich muss nun dafür kämpfen das ich nicht gesperrt werde beim Arbeitsamt, sollte ich nicht gleich einen neuen Job bekommen, denn ich muss kündigen, da ich es nicht mehr aushalte dort.

Ich liebe meine Arbeit. Die Kinder haben meine Art geliebt und die Eltern waren immer zu frieden.

Ich habe es nicht immer einfach mit mir selbst, mache mich selbst immer runter und habe nicht so viel Selbstvertrauen, aber ich kämpfe.

Jetzt habe ich Gedichte in ein Band gepackt und hoffe darauf sie irgendwann zu veröffentlichen. Es ist nicht viel. Aber vielleicht hilft es denen , die das gleiche erlebt haben wie ich, nach vorn zu schauen und zu sehen, das die Gefühle und Gedanken die in ihnen schreien nicht nur sie erschlagen sondern andere auch.

Ich weiß nicht ob das alles hier ihnen hilft…aber ein Anfang wollte ich wagen.

Mir wurde damals geholfen, auch wenn es nicht einfach war. Ich habe gewagt zum Jugendamt zu gehen obwohl ich schon volljährig war… Ich bin zu Wildwasser gegangen und habe mich beraten lassen, habe durch sie einen Anwalt bekommen der sich in dem Fach auskennt, weil er leider schon oft solche Prozesse führen musste.

Ein Netzwerk aufzubauen was betroffenen hilft, das ist wichtig.

Das Thema nicht totzuschweigen, nicht nur raus zu kramen wenn die Kirche oder Prominente der Hintergrund sind – das ist wichtig.

Ich denke es ist schon wichtig bei den Kleinsten anzufangen. Sie aufzuklären dass ihr Körper ihnen gehört… und das man sie auch lieb hat wenn sie mal kein Küsschen zur guten Nacht oder eine Umarmung schenken wollen.

Mein Sohn soll später NEIN sagen können und sich schützen können und immer wissen wo er Hilfe bekommt… angefangen bei seinen Eltern, über dem Jugendamt , Ärzte usw.

Wichtig ist, dass die Kinder ernst genommen werden und nicht abgewimmelt werden nur weil man es nicht glauben kann bzw. will.

Psychologen sind nichts Böses, aber viele Eltern denken sie sind schlechte Eltern wenn ihr Kind zur Psychologin geht… aber ich denke das ist ein Weg um Licht ins Dunkel zu bringen.

Katja Heße (geb.1982)

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