netzwerkB 30.05.2012

Pastorin Susanne Jensen schreibt offenen Brief an Bundespräsident Gauck


Foto: Susanne Jensen

nachrichtlich an Bischöfin Ferhs und Bischof Ulrich

Sehr geehrter Herr Bundespräsident Joachim Gauck,

Sehr geehrter Herr Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider,

ich bitte Sie um Ihre Einflussnahme bei drei Anliegen.

  1. Bitte um politischen Einsatz für die Abschaffung der Verjährungsfristen bei sexuellem Missbrauch
  2. Bitte um Ihre Einflussnahme auf die EKD bei der Festlegung der Rahmenbedingungen für die Entschädigungsleistungen
  3. Bitte um Ihre Hilfe bei dem zur Zeit größten bekannten Missbrauchsskandal der Evangelischen Kirche Deutschlands

Ich bin Pastorin der Nordelbisch Evangelisch Lutherischen Kirche (ab Pfingsten: Evangelisch Lutherische Kirche in Norddeutschland, ELKIN) und Missbrauchsüberlebende. Seit zwei Jahren bin ich in dem Missbrauchsskandal Ahrensburg involviert. Tiefe Einblicke habe ich dabei in das „System Missbrauch“ innerhalb meiner Kirche erhalten.

In Ahrensburg wurden gut 100 Menschen über Jahrzehnte von einem Pastor missbraucht. Obwohl der Kirche 1999 bekannt war, dass er mehrere Schutzbefohlene missbraucht hat, wurde er lediglich in den Jugendstrafvollzug versetzt und konnte noch bis 2003 Religionsunterricht am Gymnasium Stormarnschule geben.

Während des nun schon zwei Jahre andauernden „Aufklärungsprozesses“, hat es die Kirchenleitung nicht vermocht, Haupt- und Gesamtverantwortliche zu benennen und sich selbst zu ihrer Verantwortung zu bekennen. Entpersonalisierung und Wegdrücken der Verantwortung führen zu einem immer größer werdenden Schaden.

Dies hat auf verschiedenen Ebenen zu großem Leid geführt.

Besonders betroffen sind natürlich die Missbrauchsüberlebenden in Ahrensburg. Ein Betroffener hat am 17. November 2011 im SH-Magazin gesagt:

  • „Ich erwarte, dass die Kirche Stellung bezieht zu einem Teil ihrer Vergangenheit. Da ich glaube, dass ohne die Vergangenheit anzugucken, sie nicht gut in die Zukunft starten kann. Letztens ist mir ein Satz durch den Kopf gegangen, und der lautet: „Die Kirche muss mit ihrer Lüge leben, und wir müssen mit unserer Enttäuschung über die Kirche leben“.

Ein unbeschreiblicher Glaubwürdigkeitsverlust nach innen und nach außen.

Auch der Gottesdienst mit der Dialogpredigt von Bischöfin Fehrs und Bischof Ulrich am 1. April 2012 in der Schlosskirche zu Ahrensburg lässt keinen Kurswechsel erkennen. Statt Selbsterkenntnis (im Sinne von Verantwortung übernehmen für das Versagen kirchenleitender Personen), ist weiterhin Selbstrechtfertigung und Weckreden angesagt. „Täter ungewollt geschützt“, das kommt neben dem Bild eines hochpriesterlichen Jesus, der unter die Auseinandersetzungen einen Schlussstrich ziehen möge, damit nicht mehr mühsam um Wahrheit gerungen werden muss, in der Dialogpredigt vor.

Wenige Tage später wird die Verantwortung dafür weggedrückt, dass der Pastor, der so viel Leid über Menschen gebracht hat, 28 Jahre lang an der Stormarnschule als Religionslehrer tätig war. Und dies auch noch nach 1999, nachdem kirchenleitenden Personen bekannt war, dass dieser Pastor Kinder und Jugendliche missbraucht hat. Der Pressesprecher der NEK muss in der Öffentlichkeit verlautbaren, dass die Aktenlage dazu nichts her gibt.

Damit wird auch die betroffene Gemeinde im Stich gelassen.

Auf unterschiedlichen Ebenen ist klar, dass mehr als 100 Menschen durch die Taten des Pastors betroffen sind. Viele Menschen sind schon gestorben. Was verbirgt sich dahinter für lebenslanges Leid!

Statt über die „Traumatisierte Institution“ im Sinne von Nabelschau zu diskutieren, stände es den Verantwortlichen gut an, beispielhaft mit dem Missbrauchsskandal um zu gehen. Damit nicht schon wieder die Missbrauchsüberlebenden und das Erscheinungsbild der Kirche nach außen gegeneinander abgewogen werden.

Gewogen und zu leicht befunden wurden sie ihr Leben lang!

Nun stände es der Kirche, die dem Evangelium verpflichtet ist, gut an, den größten zur Zeit bekannten Missbrauchsskandal der Evangelischen Kirche Deutschlands als Bekenntnisfall zu an zu sehen, und dementsprechend zu handeln.

Diesem offenen Brief habe ich meine Sichtweise auf den Missbrauchsskandal der Nordelbischen Kirche/ Nordkirche in einem Aufsatz beigefügt.

Ich hoffe, Sie, sehr geehrter Herr Bundespräsident Gauck,  helfen den Missbrauchsüberlebenden, denn deren Not ist unbeschreiblich.

Mit freundlichem Gruß

Susanne Jensen

Folgender Aufsatz über die Entwicklung des Ahrensburger Missbrauchsskandals und dem Umgang der Nordelbischen Kirche bzw. jetzt der Nordkirche aus meiner Sicht ist Bestandteil des Offenen Briefes.

PDF-Datei Artikel Mai 2012

Quelle: http://www.stimme-der-opfer.de/new/html/offener_brief.html